Predit über das Gebet

Liebe Gemeinde,

vielleicht kennen Sie die Fernsehserie „Um Himmels willen“, in der der knorrige Bürgermeister Wöller, dargestellt durch Fritz Wepper, sich im täglichen Kleinkrieg mit den Schwestern des Klosters Kaltenthal befindet, wobei dieser stets komödiantische Kleinkrieg eigentlich auf einer versteckten Sympathie beruht.

In einer Folge entschließt sich Bürgermeister Wöller dazu, doch noch mal das Gespräch mit seinem Herrgott zu suchen. In der kleinen Klosterkapelle, wo das lebensgroße Kruzifix hängt, geht er – der sonst um keinen Kommentar verlegen ist – etwas befangen auf und ab, um schließlich zu Christus am Kruzifix zu sprechen: „Wir haben ja schon länger nicht mehr mit einander geredet. ... Ich weiß garnicht, ob Sie mich überhaupt noch kennen.“

In seiner Verlegenheit meint Bürgermeister Wöller offensichtlich, man müsse Jesus siezen.

Schon weiter ist da der Hamburger Polizist aus dem „Großstadtrevier“ Jan Fedder, der in seiner ebenfalls knorrigen Art einmal sagte. „Ich spreche eigentlich immer öfter mit Gott“ – um mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen: „Wir sind mittlerweile per Du.“

Ja, das ist es: Mit Jesus ist man immer per Du. Und beide – Wöller/Wepper und Fedder - haben richtig erkannt, was das Gebet ist. Es ist ein Gespräch, ein Gespräch mit Gott.

Soweit, so einfach. Aber dann beginnen erste Schwierigkeiten. Nicht immer fällt uns das Gespräch mit Gott so einfach wie Jan Fedder. Viele sind eher Bürgermeister-Wöller-Typen, die eben dieses Gespräch nicht gewohnt sind. Und deshalb kommt es auch oft schwer in Gang. Ganz normal! Stellen Sie sich vor: Sie haben einen sehr guten Freund, aber jahrelang lassen Sie nichts von sich hören, keine Weihnachtskarte, kein Anruf. Aber nach  Jahren müssen Sie ihn um einen großen Gefallen bitten. Sie rufen ihn also an. Ein Gespräch, in dem der Beginn sicher nicht so einfach ist. So geht es vielen mit dem Gebet.

Das kann manchmal dramatisch sein: Ich kenne die Geschichte, wie im Zweiten Weltkrieg ein Soldat schwer verletzt auf dem Schlachtfeld liegt. Seine Kameraden versammeln sich um ihn, da bittet der Sterbende. „Kann jemand ein Vaterunser beten.“ Und all diese gestandenen Männer, die auf den Schlachtfeldern so  viel gesehen haben, sind wortlos. Sie können kein Vaterunser. Verzweifelt schreit der Soldat: „Muss ich den hier verrecken wie ein Tier, kann den keiner ein Vaterunser?“ Der Soldat stirbt ohne Gebet.

Nun wir sind nicht auf Schlachtfeldern, Gott sei Dank. Aber es gibt z.B. auch das stundenlange Warten vor Operationssälen oder Intensivstationen, da wo das Gebet dramtatisch wird, in Bitte und Hilferuf. Wie schlimm, wenn es dann nicht funktioniert.

Also sicher können wir als erstes festhalten: Das Gebet ist ein Gespräch mit Gott. So einfach und doch manchmal so schwer.

Der zweite Punkt: Warum beten wir? Antwort: Weil Gott es so möchte. Braucht Gott denn unser Gebet? Er ist doch allwissend? Er weiß doch schon vorher, was wir beten? Ja, dass stimmt. Gott braucht nicht unser Gebet, aber er möchte es. Er möchte eben mit seinen Geschöpfen im Gespräch bleiben. Das heißt: Er sucht, er wünscht, dass seine Kinder mit ihm reden, er will Gemeinschaft, täglichen Umgang miteinander, Vertrauen. Deshalb heißt es in der Bibel immer wieder, dass wir beten sollen.  Gott ist ein liebevoller Vater, und welcher Vater wollte denn nicht, dass seine Kinder mit ihm reden.

Noch wichtiger aber ist, dass wir die Gemeinschaft mit Gott brauchen, die durch das Gebet hergestellt wird. Im Gebet ist Gott für uns gegenwärtig.

Ein anderer Grund kommt hinzu. Er ist, dass wir einen Sinn dafür bekommen, was Gott für uns tut. Wenn wir ihn bitten, wenn wir ihm danken, dann wird uns auch bewußt, was wir von Gott erhalten, und das ist eben unendlich viel. So ist das Gebet in diesem Sinne auch eine Bewußtseinsübung, ein Dankbarkeitstraining.

Zum dritten: Wozu beten wir? Wenn wir ehrlich sind, doch meistens deshalb, damit uns Gott eine Bitte erfüllt! Wenn wir uns ein wenig auf das besinnen, was wir bisher gesagt haben, dann wird deutlich, dass diese Absicht etwas kurz  gegriffen ist: Ein Gebet nur, damit mit Gott einen Wunsch erfüllt? Wir machen dann, statt aus dem Gespräch, um das es doch im Gebet geht, Gott zum großen Nikolaus, der eben (gefälligst) tun soll, was wir möchten. Und bitte ganz schnell.

Da habe ich seit Jahren nicht mehr gebetet, dann sage ich: „Lieber Gott, mach bitte das und das.“ Und dann tut Gott das nicht, und ich sehe vermeintlich doch, dass Beten eben nichts nützt.  Ja, wenn ich so an die Sache herangehe ...

Beten erwächst eben aus dem geübten Gespräch, aus einem Gebetsleben, aus einem - wenn möglich - täglichen Umgang mit Gott. Und in diesem täglichen Umgang kommt dann auch meine Bitte zur Sprache. Ich lege sie Gott vor, ich bestürme ihn vielleicht damit. Aber ich weiß, dass ich zum guten Vater rede. Und wie das Kind schon beim irdischen Vater das Zutrauen hat, dass er die Bitte hört und sein Bestes tut, um wieviel mehr beim himmlischen Vater! Dabei wird schon der irdische Vater dem Kind nicht jede Bitte erfüllen. Er weiß, dass ihm dieser oder jener Wunsch vielleicht nicht gut tut. Das gibt es auch beim himmlischen Vater. Er erfüllt auch nicht jede Bitte (sofort), machmal auch anders als wir dachten. Aber er hört uns. Und in einem Gebetsleben machen wir dann auch die Erfahrung, dass er hört und wie und wann er handelt.

Wir sollen einfach kindlich bitten, aber wir sollen nicht kindisch bitten. Wir sollen nicht versuchen, Gott mürbe zu machen wie ein quengelndes Kind. Aber wir dürfen, ja wir sollen voll Vertrauen immer wieder kommen. Beter sind oft Langstreckenläufer.

Und die abschließende Überlegung: Wie beten wir?

Es gibt nicht die Form. Ob ich die Hände falte oder nicht, ob ich sie zum Himmel halte oder nicht, das ist egal. Es kommt auf die innere Konzentration an. Schließlich spreche ich mit Gott. Ob ich kniee oder stehe, auch das ist egal, es kommt auf die innere Haltung an.

Manche benutzen vorgefertigte Gebete, die man natürlich zuhauf im Internet findet. Schön ist es, wenn ich als Kind Gebete gelernt habe. Ich kann immer wieder darauf zurückgreifen. Denn ich bin doch Gottes Kind. Es gibt auch die Psalmen in der Bibel, in der eigentlich jede Situation – Klage, Freude, Dank, Leid, Mobbing, Lob Gottes und was es auch sei – angesprochen wird. Da finde ich mich in der Person des Beters wieder und kann seine Worte übernehmen. Und dann gibt es natürlich das Gebet, das die Welt umspannt, das Vaterunser. Das Gebet, das Jesus uns selbst ausdrücklich begebracht hat. Es ist sicherlich vor allem zu empfehlen.

Es gibt auch verschiedene Gebetstechniken. Etwa das  in der orthodoxen Kirche weitverbreitete Herzensgebet, wo mit dem Einamtmen gebetet wird „Herr Jesus“ und mit dem Ausatmen „erbarme Dich“. Hier geht das Gebet automatisch in Körperlichkeit über und wirkt psyschosomatisch.

Es gibt natürlich das Gebet in einer Art meditativer Versenkung. So hat Gerhard Teesteegen, dessen Lied „Gott ist gegenwärtig“ wir sicher alle kennen, einmal gesagt, Beten sei eigentlich nichts anderes, als Gott zu beschauen, und sich von Gott beschauen zu lassen. Es ist also das stille Gegenwärtig sein vor Gott. Ich muss nicht viele Worte machen. Ich kann auch einfach da sein. Das kann bei einem Sonnenuntergang – vielleicht sogar am Meer – sein, auf der taubedeckten Wiese am Morgen oder einfach im Lieblingssessel zu Hause.

Wie auch immer, auch hier gibt es keine festgeschriebene Regel. Aber: Das einfache, völlig unkomplizierte Gespräch wird sicher am besten sein. Gott hört!

AMEN


Zum Reformationsjubiläum 2017

Neureformatorisch
Die Feier von 500 Jahren Reformation ist in gewisser Weise mit dem Jubiläum eines Firmenimperiums zu vergleichen, das sich bei seiner Erinnerungsarbeit vor gewisse Probleme gestellt sieht. Um den Vergleich auszuführen: Der gedachte Konzern verdankt seine Entstehung der Arbeit ihres genialen Gründers, der durch die Entwicklung von markanten Kräuterlikören bekannt wurde. Die meisten davon sind sehr kräftig, teilweise im Geschmack gewöhnungsbedürftig, aber allgemein bekömmlich. Der Firmengründer selbst ist noch heute für seine markigen – nicht immer gelungen – Werbesprüche bekannt, was ihm – weit über seinen Tod hinaus - eine gewisse Popularität in der Kundschaft sichert. Eine Popularität, die der Konzern auch für sich nutzen möchte.
Doch in anderer Weise hat er durchaus Probleme mit seiner Gründergestalt. Hinzu kommt, dass die altüberkommenen Kräuterliköre nicht mehr im Trend liegen. So hat man still und leise das Sortiment komplett umgewandelt und an die Stelle der kräftigen Kräuterschnäpse eine bunte Vielfalt von Kräutertees gesetzt, in allen Farben und Aromen, teilweise mit recht esoterisch klingenden Namen. So hofft man, die Kundschaft zu halten. Das Ergebnis ist zwiespältig. Ein Teil der Kunden erkennt den Sortimentswechsel und bleibt verärgert weg. Ein kleinerer Teil kommt erfreut hinzu. Der größte jedoch nimmt den Wechsel im Sortiment erstaunlicherweise überhaupt nicht zur

Kenntnis. „Man“ hat schon immer dort gekauft. Viele kommen aber auch einfach so nicht mehr. Bei Problemen mit dem Magen gib es schließlich auch Tabletten.
Der Konzern selbst ist sich unsicher: Der alte Firmengründer ist populär, natürlich auch umstritten. Wie soll man ihn bewerben? Likörverkostungen sind völlig „out“. So verfällt man auf die Idee, ihn als ersten Gesundheitspionier zu vermarkten, schließlich geht es ja um Kräuter – und eben jetzt um Tees. Der Konzern gibt sich soft und er hofft damit anzukommen.
So wie diesem erdachten Konzern ergeht es auch unserer evangelischen Kirche! Warum? Nun, die Grundbotschaft Martin Luthers von der Rechtfertigung allein aus Gnade durch Glauben an den Sühnetod Jesu Christi für uns am Kreuz, scheint kaum noch vermittelbar. Wenn von Rechtfertigung geredet wird, ist es eher eine Trostbotschaft für das Versagen in einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft. Doch ist das alles? Sicher nicht! Ganze Tiefenschichten reformatorischer Erkenntnis werden zugunsten oberflächlicher Ansichten nicht mehr beachtet.
Die Reformatoren waren Menschen, die ihr Welt- und Selbstverständnis aus der biblischen Botschaft bezogen. Von dort her kamen sie zur Kritik am Gegebenen. Dies entwickelte eine Sprengkraft, die wir als Reformation bezeichnen, obwohl sie oft genug faktisch eine Revolution mit all ihren Licht- und Schattenseiten war.

Die biblische Einsicht, dass sich unsere jeweilige persönliche menschliche Existenz in keiner Weise sich selbst verdankt und so von vorneherein unüberbietbares Geschenk ist, dass nicht nachträglich auch erworben und dadurch selbst gerechtfertigt werden kann, wie es Goethe meinte („Was Du ererbt von Deinen Vätern …“) bleibt eine unverrückbare Erkenntnis der Reformation.
Damit stehen die Reformatoren jedoch immer außer den Zeitläuften. Alle geistesgeschichtlichen Strömungen wie der zeitgleiche Humanismus oder die spätere Aufklärung setzen beim Menschen und seinen Fähigkeiten an und laufen letztlich auf eine Selbstrechtfertigung menschlicher Existenz heraus („Wer immer strebend sich bemüht …“). Dass diese Selbstrechtfertigung aber im Kern bedeutet, „Gott nicht Gott“ (Luther) sein lassen zu wollen, ist Sünde! Ein Wort übrigens, das im „neuen Sortiment“ nicht mehr vorkommt. Dass Menschen damit eine fundamentale (horrible dictu!) Wahrheit scheinbar erspart bleibt, sie aber in Wirklichkeit um ihre Erlösung - und zwar nicht nur von einer harten Leistungsgesellschaft - gebracht werden, ist ein Versagen, ein gut gemeintes, aber eben doch ein Versagen oder „billige Gnade“, wie es Bonhoeffer meinte. Letztlich werden die Menschen in dem, was sie mit sich herumtragen an Schuld, Scheitern und Versagen oberflächlich „absolviert“. Es ist ein Ablass, der noch nicht einmal was kostet! Statt die Erlösung

und Annahme beim unbestechlich gerechten aber eben auch unfassbar barmherzigen Gott zu zeigen, verweist die Kirche als „milde Sozialagentur“ (Troeltsch) auf Mitmenschlichkeit, die aber hier nicht geben kann, was nur Gott gibt. Die Majestät Gottes wird damit banalisiert hin auf einen ausschließlich „lieben Gott“ oder wie dergleichen Zuschreibungen lauten, und die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden banalisiert sich selbst. Was hat sie mir zu bieten, dass nicht eine Selbsthilfe-gruppe (man achte auf die Wortbedeutung!), gleich welcher Art, oft besser kann?
Ein Weiteres kommt hinzu: Die Reformatoren haben die Kraft, den Ausgangspunkt und den Horizont ihres Handelns in der Bibel gefunden. Von hier aus konnten sie umstürzen, weil sie einen festen Stand hatten. Die Bibel war gleichsam ihr archimedischer Punkt. In der Tat ist die Bibel eine „zivilisationsbegründende Urkunde“ (C.P. Thiede). Wo diese Urkunde infrage gestellt wird, relativiert wird, nur noch bedingt gilt, wo sie also faktisch außer Kraft gesetzt wird, da lassen sich in der Gesellschaft recht bald die Folgen besichtigen.
An diesem Zerstörungsprozess ist die Theologie mit schuldig. Besonders hat die historisch-kritische Methode ein Werk der Aushöhlung der Bibel vollbracht, das heute nur noch eine Hülle zurücklässt. Die historisch-kritische Methode ist jedoch als solche außerstande, eine über das wissenschaftlich-fassbare hinausgehende Wirklichkeit sachgemäß zu beschreiben. Sie

folgt im Kern einem Rationalitätsbegriff, den letztlich auch die Zeitgenossen teilen („Ich glaube nur, was ich sehe“). Das heute kein auch nur im Ansatz ernstzunehmender Physiker eine solche Ansicht noch vertritt, sollte zu denken geben. Wo aber könnte ein solcher Physiker ein Gespräch mit einer hier sprachlosen Theologie führen?
Die Folgen der historisch-kritischen Methode zeigen sich insbesondere an drei Fundamenten christlichen Glaubens, deren Infragestellung den Glauben letztlich selbst unterminiert:


1. Die Erschaffung der Welt durch einen sich selbst anstoßenden evolutiven Prozess scheint heute eine unbestrittene Tatsache. Der Gedanke eines die Welt schaffenden Schöpfergottes ist für moderne Menschen das Glaubenshindernis schlechthin! Wenn die Welt nicht von Gott geschaffen wurde, was soll dann das Gerede von Gott überhaupt? Die allbeherrschende Evolutionstheorie Darwin’scher Prägung gilt als einzig denkbare Lösung.
Eine hier implantierte theistische Evolution, die Gott als durch die Evolution handelnd ansieht, ist ein hölzernes Eisen. Sie widerspricht biblischen Aussagen und ist gleichzeitig wissenschaftlich lächerlich. Die vielen offenen Fragen der Evolutionstheorie jedoch, die ja keineswegs ein in sich abgeschlossenes System ist, werden selbst im christlichen Kontext kaum noch thematisiert. Selbst Darwin sagte, wenn er

das menschliche Auge in seiner genialen Konzeption betrachte, bekomme er Fieber!
Hier entscheidet sich die Glaub-Würdigkeit christlichen Redens, das seinen Ausgangspunkt von der Majestät des Schöpfergottes her nehmen sollte. Insofern ist Johannes Calvin – überwältigt von der Erhabenheit des Schöpfergottes - in seinem theologischen Ansatz für den Menschen unserer Zeit möglicherweise zunächst eher ein Gesprächspartner als Martin Luther. Erst wenn ich einen Schöpfergott wieder glauben kann, ja er mir zwingend denknotwendig erscheint, werde ich mich der Frage zuwenden können, wie ich zu ihm in ein rechtes Verhältnis kommen kann.


2. Die Rede von der leiblichen Auferstehung Jesu Christi wird heute nur noch leise geführt. Auch hier ist wieder das Phänomen zu besichtigen, dass ein transzendentes Geschehen, das über unsere Wirklichkeit hinausgehend geschieht, so dass dieses Geschehen innerweltlich nicht eingeordnet werden kann, letztlich geleugnet wird. Heinrich Bölls Frage, ob man denn die Auferstehung habe fotografieren können, muss mit „Ja“ beantwortet werden. Nur: das Foto wäre völlig überblendet gewesen! Ohne die neue Wirklichkeit der Auferstehung, die mir Leben über den Tod hinaus verheißt, ein Leben, dass hier schon keimhaft beginnt, bleibt die Rede von der Auferstehung dummes Daherreden nach dem Motto: „Die gute Sache (!) geht weiter“ oder „Er lebt in unseren Herzen“ etc.

3. Die dritte fundamentale Annahme des Glaubens ist, dass uns im biblischen Text Gottes Wort begegnet. Die Schwierigkeiten, die die Aufeinanderbezogenheit von Gottes- und Menschenwort in der Bibel mit sich bringt, ist mit vielen Lösungsmodellen zu beantworten versucht worden. Unter ihnen hat die Lehre der altprotestantischen Orthodoxie von der Verbalinspiration, in der die biblischen Autoren faktisch Diktaphone Gottes waren, in eine Sackgasse geführt, aus der man sich nur mit einem grundsätzlichen Manöver historischer Kritik glaubte befreien zu können. Von der „Knechtsgestalt“ des Wortes Gottes zu reden, dass sich in dem den jeweiligen zeitgenössischen Menschen eigenen Verständnisrahmen begeben habe, und deshalb notwendigerweise „mit beschränktem Horizont“ zeitgebunden und fehlerhaft sei, macht die Sache nicht besser. Es wird argumentiert, dass Gottes Wort sicher ein „Hammer“ (Hebr. 4,12) sei, jedoch eben ein etwas schiefer und angekratzter Hammer, was jedoch keine Rückschlüsse auf Gott zulasse, der nun mal eben diesen Hammer gebrauche. Sicher! Aber – um im Bild zu bleiben: Warum gebraucht Gott einen qualitativ minderwertigen Hammer?
Dabei hat schon die Reformation mit diesen Fragen Schwierigkeiten gehabt, die sie z.B. im Rückgriff auf ein hermeneutisches Prinzip zu lösen suchte, wenn etwa Martin Luther nur das als Gottes Wort gelten lassen wollte, „was Christum treibet“. Luthers teilweise abfälligen Äußerungen über

den Jakobusbrief und die Offenbarung des Johannes sind von hier aus zu verstehen und kritisch zu sehen. Auch die Ergänzung des „allein“ (Röm 3,28), das sich nun mal bei Paulus nicht findet, rührt hierher. Luther gibt hier ein heuristisches Prinzip vor, dass seinen Denkvoraussetzungen entspricht. Damit aber gerade ist auch schon Luther kein Vollhörer der Heiligen Schrift mehr. Es ist hier immer noch die Aufgabe, ein befriedigendes neues Verständnis dafür zu erarbeiten, dass die Bibel und damit ihr Text von Gott als sein Wort autorisiert sind.
Es gilt auch heute noch, was kein Geringerer als Immanuel Kant an Jung-Stilling schrieb: „Auch darin tun sie wohl, dass Sie Ihre einzige Beruhigung im Evangelium suchen. Denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgemessen hat, nirgends anders zu finden sind.“
Ein sachgemäßer Umgang mit dem Erbe der Reformation wird sich nicht darauf beschränken können, biblisch-reformatorische Einsichten zu rezitieren. Vielmehr muss an einigen Stellen mit der Reformation über die Reformation hinaus gegangen werden.
Drei Beispiele seien genannt:


1. Das lutherische Obrigkeitsverständnis ist vielfach und zu Recht kritisiert worden. In der Tat hat Luther unter dem Eindruck eines historischen Glücksfalles – eines ihm

wohlgesonnen Fürsten (Friedrich der Weise) - ein Verständnis vom weltlichen Regiment entwickelt, dass faktisch von einer positiven Grundhaltung ausging und vom „christlichen Adel deutscher Nation“ sehr viel erwartete. Luther begab sich jedoch spätestens mit der Aufrichtung des landesherrlichen Kirchenregimentes in die Hände des „Staates“. Ob ihm genügend deutlich geworden ist, dass die Reformation auch gerade deshalb politische Förderung erhielt, weil sie den Interessen der freien Reichsstädte und der Fürsten faktisch entgegen kam?
Jedenfalls hat die unselige Verbindung von „Thron und Altar“ ihren Ausgang hier genommen. Dabei ist Luthers Auffassung von den „zwei Regimentern“ noch heute wegweisend, da sie Staat und Kirche in eine differenzierte Zuordnung bringt, die jedem seinen Aufgabenbereich zuschreibt. Wo jedoch aus dieser dynamischen Verhältnisbestimmung eine „Zwei-Reiche-Lehre“ (so Karl Barth) wurde, die zudem noch von einer „Eigengesetzlichkeit“ besonders des staatlichen Bereichs sprach, ist die differenzierte Zuordnung zugunsten einer kirchlichen Anpassung aufgeben worden. Die Möglichkeit einer kirchlichen Widerständigkeit wurde im Luthertum kaum erörtert und die lutherische Rede, davon, dass „wenn der Kutscher trunken sei“, man ihm in den Arm fallen müsse, kirchlicherseits nur im Norwegen der Nazi-Besatzung (Bischof Eivind Bergrav) historisch erfolgreich umgesetzt. Die reformierten Gemeinden

„unter dem Kreuz“ haben unter dem Eindruck der Verfolgung hier schon vor Jahrhunderten eine ganz andere kritische Grundhaltung entwickeln müssen. Aus ihren Einsichten ist weiter zu lernen.
Im Übrigen gilt: In einer Zeit, in der die Kirchensteuer und die seit 200 Jahren anhaltenden staatlichen Ablösezahlungen für die Säkularisation 1806 immer heftiger diskutiert werden und wohl auch nicht mehr lange zu halten sind, sollte die Evangelische Kirche den Mut zur „Entweltlichung“ (Benedikt XVI.) haben. Dies bedeutet nicht, eine „öffentliche Theologie“ aufzugeben. Ohne staatliche Stützungen wird die Kirche freier, authentischer, ärmer, aber eben auch profilierter und entschiedener sein. Den Wandel zu gestalten, ist allemal besser, als ihn über sich ergehen zu lassen.


2. Während das lutherische Obrigkeitsverständnis heute vielfach kritisch reflektiert wird, ist die Kritik am gegenwärtigen neoliberalen finanzmarktgetriebenen Kapitalismus in der kirchlichen Breite und in der Theologie seltsam leise. Wenn die Versäumnisse des Luthertums in der Obrigkeitsfrage zu sehen sind, finden wir hier wahrscheinlich die noch nicht wirklich erkannten Versäumnisse reformierter Tradition. Die von Max Weber behauptete enge Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus lässt sich sicher nicht bestreiten. Trotzdem ist dies etwas anderes, als das schon von Karl Barth kritisierte „deuterocalvinistische“ Erfolgsevangelium unserer Zeit.

Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft, das mit dem „Freiburger Kreis“ und Adolf Müller-Armack eindeutig christliche Wurzel hatte, ist vielerorts Geschichte. Der jetzige weltweite hemmungslose und schamlose Kapitalismus tötet, und das nicht nur in der vermeintlich „Dritten Welt“! Er tötet auch hier. Die Einstellung, dass alles marktfähig und handelbar sei, und wenn dies noch nicht so sei, es dazu gemacht werden müsse, ist menschenverachtend. Luthers strikt antikapitalistische Grundhaltung ist hier neu zu entdecken. „Sobald das Geld beginnt, eine eigenständige, auf seine ständige Vermehrung gerichtete ökonomische Bewegung zu vollführen, wo es sich in ‚naturwidriges’ Kapital zu verwandeln beginnt, verurteilt Luther den Gebrauch von Geld als unnatürlich, schädlich, unmoralisch und teuflisch.“ (Theodor Strohm) Ja er meint sogar ganz zugespitzt, „wie Gott alles durch sein Wort schaffe, schaffe der Teufel alles durch das Geld!“ (zit. Strohm) Luthers antikapitalistische Grundhaltung ist keineswegs provinziell, aber möglicherweise lokaler orientiert. Seine Zinskritik und seine Alternativvorschläge sind Blaupausen für die Gegenwart. Eine Commons-Ökonomie, die das Gemeinwohl aller stärker im Blick hat als die Boni weniger, kann von Luther lernen und damit die Evangelische Kirche von ihr.


3. Eines der Hauptprobleme der Zeit ist das Umhergetriebensein der Menschen, ihre Zerstreutheit - welch ein bildkräftiges Wort -, die sie zu tieferen Erfahrungen oft

unfähig macht. An die Stelle dieser Erfahrung tritt dann der Event. Es ist ein Phänomen, das auch für die evangelische Kirche und nicht nur für sie ebenfalls zutrifft. Hier gilt: Nicht Aktion, sondern Aktionismus und leicht ausrechenbare Verlautbarungen; statt aus Glaubenserfahrung geschöpfte Einsicht weltläufiges Schwätzertum. Andererseits ist die Kirche mit ihren Antworten auf Fragen, die keiner mehr stellt, und ihren internen Problemen allzu oft eine Insel der Selbstredundanz. Aber was suchen die Menschen eigentlich? Sie suchen Leute, die Glauben leben, nicht kirchliche Gremienarbeit. Finden sie überhaupt noch Menschen, „die wie aus einer anderen Welt zu uns zu kommen scheinen, und die Bürgerschaft einer anderen Welt uns mit Blick und Ton und Wort ins Herz zu legen“ vermögen (So der Dichter Johann Peter Hebel über Jung-Stilling). Diese Menschen sind auch in der Kirche sehr selten – doch nach Ihnen suchen die Menschen.
Deshalb: Zuletzt ist auch der mystische Grundzug in Luthers Biographie und Theologie wieder verstärkt entdeckt worden. Luther hat ihn selbst bei sich verdrängt, um nicht mit den von ihm so genannten Schwärmern in einen Topf geworfen zu werden. Das war nicht gut für die evangelische Kirche. Nur wenige, wie etwa Gerhard Tersteegen, haben ihre Mystik gegen alle Schwierigkeiten durchgehalten. In der Tat sind hier ganz neue – alte – Zugänge zu finden, die den modernen Zeitgenossen ansprechen. „Das Christentum ist nicht so banal,

wie es zurzeit im Westen vermarktet wird. Es ist mehr als ein Humanistenclub. Es zielt seit seinen Anfängen auf die Erleuchtung und die Vereinigungserfahrung mit der letzten Wirklichkeit.“ (Sabine Bobert). Hier wird sich im Kern entscheiden, ob der moderne Mensch das auch erfahren kann, was er in der Predigt hört. Der mystische Mensch „erlebt die theologisch abstrakte Behauptung, dass Jesus erlöst, als körperliche, seelische und geistige Wirklichkeit.“ (ebd.)
Es gibt viele gute Gründe, die Kirche als ecclesia semper reformanda zu begreifen, als eine immer wieder zu reformierende Kirche, wie es die Reformatoren sagten. Dabei geht es im Gedenkjahr der Reformation jedoch nicht darum, kirchliche Traditionspflege zu treiben, deren gibt es wahrlich übergenug, sondern vielmehr muss eine neureformatorische Bewegung einen Aufbruch wagen!
„Lebendig und kräftig und schärfer!“ (Hebr 4,12). So sieht die Bibel und so sahen die Reformatoren das Wort Gottes! Es passt allerdings auch für einen guten Kräuterlikör.